18.08.2017 Der Blick auf behinderte Menschen muss sich endlich weiten…

(Kommentar von Dennis Riehle)

Kürzlich ist mir eine Dame mittleren Alters mit dem Kinderwagen in die Hacken gefahren. Warum erzähle ich Ihnen das? Weil sie dabei vor sich hin flüsterte: „Kann der Behinderte nicht endlich zulaufen!“. Geschehen in Konstanz, am helllichten Tag, aber nicht ungewöhnlich. Denn solche Vorkommnisse gibt es ständig. Sie sind also keine Einzelfälle. Und ich mag mir nicht ausdenken, wie es denen geht, die nicht nur einen Gehstock bei sich haben und den Bahnhofsplatz überqueren wollen, sondern vielleicht im Rollstuhl sitzen, blind sind oder gehörlos und an der viel befahrenen Wollmatinger Straße auf die andere Seite möchten. Sie werden durch solche Anwürfe wie den dieser Dame verletzt, seelisch angegriffen, weil ihnen unterstellt wird, sie könnten doch anders, sie stellten sich nur so an, sie seien schuld daran, dass die Hinterfrau nicht endlich über die Straße komme, obwohl der Bus noch lange nicht in Sicht ist.

Wir müssen im Umgang mit Menschen mit Behinderung heute weiterdenken. Neben den wichtigen Maßnahmen im baulichen Sektor, von den angeschafften Rampen für Konstanz, die ein wesentlicher Bestandteil für die Barrierefreiheit sind, gehört ein Konzept der Entstigmatisierung zwingend zu unserem Engagement dazu. Also einerseits eine Aufklärung darüber, dass behinderte Menschen keine Hindernisse für die Gesellschaft sind, wie man aus ihrem Wortstamm vielleicht ableiten könnte. Und zweitens eine Sensibilisierung dafür, dass für Menschen mit einem Handicap die Uhren oftmals ein wenig anders, aber nicht gleichsam falsch ticken. Verständnis füreinander, das ich auch von den Behinderten einfordere, die ebenfalls nicht selten versuchen, durch harsche Untertöne eine Nachsicht beim Anderen zu erpressen, die aus der Sicht eines „Gesunden“ auch nicht so einfach einzunehmen ist.

Dass ich aufgrund eines eingeschränkten Gesichtsfeldes vorsichtiger bin, ehe ich die Straße überquere, das hat die nette Frau hinter mir mit einem quengelnden Kind wohl nicht wissen können. Aber die Gehbehinderung sah sie deutlich. Deshalb sind für mich keine Ausreden erlaubt, wenn es darum geht, Menschen mit Behinderungen vorzuwerfen, dass ihre Einschränkungen möglicherweise einige wichtige Sekunden im Leben des Anderen rauben könnten. Denn diese Erwartungshaltung, jeder könne sich heute dem Zeitgeist von Drängelei und einem übertriebenen Egoismus, der keine Solidarität kennt mit jenen, die vielleicht langsamer sind, die aber in der Würde dem Nächsten in nichts nachstehen, anpassen, sie passt zu einer Überhöhung unseres Selbst, die hier wie dort vorkommt.

Ich bin überzeugt, dass auch die nette Dame hinter mir in sich eine soziale Ader trägt. Und sie insgeheim auch wusste, dass es nicht fair gewesen ist, was sie vor sich her murmelte. Doch all das war überdeckt von Stress, Hektik und Überforderung – typische Merkmale einer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, die das Schneller, Höher und Weiter als ihren Slogan auserkoren hat. Entschleunigung tut gut, manchmal müssen behinderte Menschen dazu beitragen, dass wir alle wieder etwas von unserem hohen Ross herunterkommen und Respekt zeigen füreinander, egal, wie wir sind. Denn würden wir einsehen, dass die Wertschätzung des Anderen mit all seinen Facetten ein Teil des Sinns unseres Daseins sein kann, nämlich Mitgefühl im positivsten Sinne, das auf irgendeine Art und Weise auch wieder zurückkommt, dann würden wir völlig normal ein wenig länger warten, bis auch wir die Straße noch vollends rechtzeitig überqueren könnten.

Die Kampagnen von heute dürfen nicht mehr allein darauf zielen, Barrieren in den Häusern, auf den Straßen und in der Mobilität abzubauen. Vieles davon ist mittlerweile nämlich Selbstverständlichkeit. Nicht nur durch Gesetze, sondern weil es uns in Fleisch und Blut übergegangen ist – und kaum noch jemand darüber meckert, wenn über Barrierefreiheit in einem Neubau gesprochen wird. Diesen Zustand zu erreichen, das hat Zeit gebraucht. Aber auch ein Durchhaltevermögen derer, die sich dafür eingesetzt haben, dass „Kasseler Borde“ an die Bushaltestellen kommen, Aufzüge in den Verwaltungsgebäuden oder Rampen an den Schiffen. Ihnen, den Verfechtern, die oftmals belächelt und manches Mal als Störer angesehen wurden, gilt ein Dankeschön – doch leider scheint die Zeit zum Durchatmen kurz.

Denn nicht nur Menschen mit körperlichen Behinderungen, auch die mit seelischen Einschränkungen treten nun immer häufiger in das öffentliche Leben. Nicht sichtbar, aber beispielsweise auch in Einschränkungen ihrer Bewegungsgeschwindigkeiten erkennbar, in ihrem Verständnis von komplizierten Anträgen auf dem Rathaus, in ihrem besonderen Bedürfnis nach Klarheit und Struktur in einer Welt, die so unübersichtlich erscheint. Klare Aussagen auf Schildern oder Aushängen – deren große und deutliche Schrift auch Sehbehinderten zugutekommen kann, nachvollziehbare Wegweiser und Verständlichkeit in Verfahren und Abläufen der Verwaltung, die auch diejenigen in Anspruch nehmen möchten, die vielleicht eingeschränkt sind, deshalb aber noch lange keine Bevormundung brauchen.

Diesen Umstand müssen wir insbesondere in die Köpfe der Menschen hineintragen: Behinderung heißt nicht, sein Leben nicht mehr im Griff zu haben. Im Gegenteil: Würde manch einer wie die nette Dame einmal mit den Barrieren zu tun haben, die wir als Behinderte täglich meistern, sie würde staunen. Diese Weitsicht zu bekommen, das kann nur durch persönliche Gespräche passieren, durch den Hinweis an die Dame, dass es einige Augenblicke länger dauern kann, bis wir uns über die Straße wagen, durch breit angelegte Projekte und Öffentlichkeitsarbeit, die Behinderte mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen in den Mittelpunkt stellen, um zu verdeutlichen, dass sie die Farben in unserer Landschaft sind, die wir schätzen und annehmen sollten, anstatt sie „formen“ zu wollen, durch Schulung von Mitarbeitern im öffentlichen Dienst, denen oft gar nicht bewusst ist, welche Mühen Menschen mit kognitiver, geistiger oder seelischer Beeinträchtigung beim Behördengang haben.

Das Umdenken im Lobbyismus für Behinderte braucht ebenfalls wieder diesen langen Atem, auch wenn wir uns mit Ungeduld darüber ärgern, wie wenig flexibel doch unsere Mitmenschen manches Mal sind, wenn sie Rücksicht nehmen könnten, aber eben nicht wollen. Das Miteinander kann nicht gelingen, wenn wir uns gegenseitig dafür verantwortlich machen, dass unser tägliches Leben durch den jeweils Anderen erschwert wird. Problemlösungskompetenz ist stets schwierig, solange es auch laute Worte und Unterstellungen gibt. Doch nun haben wir schon diese weite Strecke in der Barrierefreiheit hinter uns gebracht, wer sollte uns aufhalten, nicht auch die zweite Hälfte dieses Marathons für die Interessen der Menschen mit Behinderungen zu bestehen, wenn nicht Barrieren, Barrieren aus Unverständnis, Uneinsichtigkeit, Unmenschlichkeit?

Dennis Riehle, Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz

www.Dennis-Riehle.de

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