12.11.2017 Vorausschauende Politik

(Kommentar von Dennis Riehle)

In kaum einem anderen Stadtteil dürfte die aktuelle Prognose der Statistiker der Konstanzer Stadtverwaltung so aufmerksam gelesen worden sein wie in Litzelstetten. Schon in den Vorausrechnungen aus dem Jahr 2013 wurde eine Tendenz für den Ortsteil deutlich, die sich von allen anderen Vororten, aber auch den restlichen Stadtgebieten, signifikant unterscheidet. Nicht nur, dass eher mit einem Bevölkerungsrückgang statt mit einem Wachstum gerechnet wird. Nirgendwo sonst wird sich die Zahl der hochbetagten Menschen im Alter von 85+ derart rasant um weit mehr als plus 100 Prozent entwickeln wie im Professorendorf, das zwar immer mehr ältere Menschen gern als ihren Ruhesitz wählen, welches gleichzeitig bei jungen Familien aber kaum von der Stelle kommt.

Viele Gründe dafür sind hausgemacht: Blickt man auf die eingerechnete Wohnraumperspektive, so hinkt Litzelstetten auch hier deutlich hinterher. Zwar haben sich mit Ortsmitte oder Marienweg kleinere Baugebiete aufgezeigt, doch den „großen Wurf“ wie beispielsweise in Dettingen vermisst man zwei Orte weiter noch immer deutlich. Umgeben von vielen Landschaftsschutzgebieten scheint es zu umständlich zu sein, einerseits zu prüfen, ob eine weitere Außenentwicklung theoretisch und langfristig überhaupt möglich wäre. Und in der Innenraumentwicklung hat sich der Ort bereits seit Jahren derart verdichtet, dass jeder neue Bauschritt zu einem Aufheulen der Anwohner beitragen würde.

Ein Stück weit steckt der Teilort also in der Klemme. Und doch ist die politische Reaktion auf die „nackten Zahlen“ bislang eher verhalten. Prognosen seien eben nur Tendenzen, ob es wirklich so komme, hört man vielerorts, das sei ja noch nicht gesagt. Eine typische Aussage, die man auch von den „großen“ Politikern kennt. Die Probleme aussitzen, indem man die Offenkundigkeit einer Entwicklung zu leugnen versucht, weil man sich selbst in der Hilflosigkeit der Legislaturperiode sieht. Das, was länger als vier oder fünf Jahre in die Zukunft gerichtet angegangen werden soll, das ist nicht nur vielen Verantwortlichen zu mühsam, sondern auch zu heikel. Zu lange könnte man für Fehler in der eigenen Politik herangezogen werden, vergessen wird gleichsam aber, dass Versäumnisse die größten Fauxpas sind, die der Wähler auch reichlich spät noch ankreidet.

Nichtstun ist also keinesfalls eine Lösung. Und so muss sich die Politik in Litzelstetten entscheiden, ob sie den Versuch unternehmen will, der eingeschlagenen Richtung der Bevölkerungsentwicklung noch entgegenzuwirken und/oder sich gleichzeitig auf die Herausforderung einlässt, „altersgerechte“ Konzepte zu entwickeln, die das auffangen, was da auf uns zukommt. Denn es mag auf den ersten Blick kein riesiger Beinbruch sein, wenn in einem knapp 4000-Einwohner-Dorf im Laufe von knapp 20 Jahren aus 98 plötzlich 218 Hochbetagte werden. Dass solche Zahlen aber sozialen Sprengstoff in sich bergen, wird spätestens klar, wenn man erkennt, dass im selben Zeitraum nur ein Überschuss von acht Babys als Saldo aus den Statistiken purzelt.

Der obere Bauch der Litzelstetter Alterspyramide schwillt bis nahezu zum Bersten an, während sich nahezu alle Altersgruppen bis 64 Jahre kaum bewegen oder gar noch schlanker werden. Wie sieht das eigentlich mit der ärztlichen Versorgung aus, wenn in einem Ort plötzlich so viele ältere Menschen darauf angewiesen sind, medizinisch versorgt zu werden? Gibt es für den Bedarfsfall ausreichend betreute Wohneinheiten oder gar dezentrale Pflegeplätze – denn immerhin weiß man doch, dass viele Hochbetagte ihr Heimatdorf im Alter eigentlich nicht mehr verlassen möchten?! Werden bei einem ausbleibenden Bevölkerungswachstum in der Summe der Einwohnerzahl die bisherigen Nahversorger noch bei der Stange gehalten werden können? Und wer sorgt künftig dafür, dass gerade die älteren Menschen nicht vereinsamen, sondern ein attraktives Angebot geliefert bekommen, das Litzelstetten nicht zum „Schlafdorf“ werden lässt?

Es wäre müßig, dem Einwand begegnen zu müssen, was man heute bereits tun solle, um diesen Realitäten vorausschauend ins Auge zu blicken. Denn natürlich geht das: Nur mit Weitsicht schaffen es auch andere Gemeinden mit ähnlichen Problemen, sich schon heute auf eine Situation vorzubereiten, die selbst die Kritiker der Statistik letztlich nicht mehr von der Hand weisen können. Der Alterungsprozess wird in Litzelstetten in besonderem Maße zuschlagen. Und es wäre jetzt an der Zeit, Beteiligte ins Boot zu holen, um mit ihnen zu planen, wie das gesellschaftliche Leben 2035 in Litzelstetten aussehen kann. Ob Ärzte oder Gewerbetreibende, Infrastrukturverantwortliche oder Nahversorger, Vereine und Behörden – sie alle gehören an einen Tisch, um ihre Statements zu den Entwicklungen abzugeben und den Bedarf an Unterstützung gegenüber der Politik zu artikulieren, der notwendig sein wird, um mit rechtzeitigen Interventionen ein Ausbluten der Konstanzer Peripherie zu verhindern.

Auch – oder gerade, weil – viele von denen, die den Ort heute noch lebendig halten, in 20 Jahren selbst zu denen gehören, die sich in Litzelstetten einen schönen Lebensabend machen möchten und darauf angewiesen sein werden, dass das Dorf nicht zu einer Ein-Altersklassen-Hochburg verkommt, wäre es verantwortungsvoll, wenn man sie in die politischen Prozesse einbindet. Wie können Dienstleistungen und Services im Ort gehalten werden, auch wenn der Praxisinhaber, der Geschäftsmann oder der Vereinsvorsitzende irgendwann in den Ruhestand tritt? Welche Anreize und Weichenstellungen können schon heute vorgenommen werden, damit später niemand überrascht darüber ist, dass die Tatsachen eben so sein werden, wie man sie prognostiziert hat? Förderprogramme und Hilfestellungen gibt es zuhauf, doch wer sich nicht an die Tatsachen heranwagt, der wird auch nie wissen, ob man im Zweifel Anspruch auf sie gehabt hätte.

Und nicht zuletzt bleibt das Thema „Wohnen“ der Gesamtstadt erhalten. In Litzelstetten geht es aber um mehr: Was können wir tun, um den Anschluss in der Erschließung neuer Wohnflächen nicht zu verlieren? Gibt es Chancen, neue Baugebiete zu eröffnen, auch wenn Antrags- und Umwidmungsverfahren Jahre und Jahrzehnte in Anspruch nehmen könnten? Letztlich reicht es heutzutage nicht mehr, bis übermorgen zu denken. Die Dimensionen sind andere, das machen die „Großen“ der Politik bei Klima- und Verkehrspolitik gerade deutlich. Der Mut, auch langwierige Prozesse in Angriff zu nehmen, Durchhaltevermögen zu zeigen und nachhaltig zu denken, beginnt gerade bei der Siedlungspolitik meist Epochen vor dem eigentlichen Erfolg. Für 2035 gilt es, Auswirkungen abzufedern, doch für die, die 2050 und später noch in Litzelstetten leben möchten, geht es um die Existenz eines ganzen Dorfes.

(Dennis Riehle, Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz, www.Dennis-Riehle.de)

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