Weitsicht wagen

Rathaus Konstanz in der Kanzleistraße, (c) Wolfgang Flick, Konstanz
Rathaus Konstanz in der Kanzleistraße, (c) Wolfgang Flick, Konstanz

Am Beispiel Litzelstetten wird deutlich: Politik und Verwaltung neigen dazu, im Hier und Jetzt zu arbeiten – und zu denken. Viele Probleme, die mit etwas Vorausschau schon lange vor dem Eintreffen des Ernstfalls hätten erkannt werden können, treiben Zivilgesellschaft und Mandatsträger erst dann um, wenn eine Entwicklung bereits heftig an Fahrt gewonnen hat. Allerdings hielte ich es für völlig falsch, den Volksvertretern oder dem Rathaus dafür einen Fehler anzukreiden. Denn wir selbst würden nicht anders handeln, säßen wir an deren Stelle. Es sind Mechanismen, Zwänge und Fallstricke, die uns davon abhalten, das politische und organisatorische Handeln allzu sehr in die Zukunft auszurichten.

Die Litzelstetter Hauptstraße verdeutlicht klar: Bewohner und Räte wissen seit langem um die Dringlichkeit der Sanierung, Bauhof und städtische Mitarbeiter können ein Lied davon singen, die Löcher zu flicken. Ein Investitionsstau ist dafür ebenso verantwortlich wie die Ungewissheit eines Gewählten, in der nächsten Legislaturperiode noch im Amt zu sein. Und selbstverständlich lässt sich dem Volk die Sanierung eines Campingplatzes leichter vermitteln als eine Herausforderung, die bislang nicht einmal mit Händen zu greifen ist: Litzelstetten steht unter besonderem Druck des „Demografischen Wandels“, wird die Bevölkerung laut Statistiken aus dem Jahr 2017 doch einen entgegengesetzten Trend zu jener aus den restlichen Stadtteile nehmen. Vielleicht gar eine rückläufige Einwohnerzahl – und nicht zuletzt ein massiver Zuwachs älterer Mitbürger.

Auch wenn neueste Berechnungen die Entwicklung abmildern sollten, bleibt die Herausforderung klar: Zweifelsohne müssen wir uns um Parkplätze im Dorf kümmern – genauso, wie um ein Ankurbeln des Tourismus. Dass man mit der Vorausschau auf das Jahr 2035 keinen Blumentopf gewinnen kann, das ist völlig verständlich. Wir alle sind viel zu sehr in der Gegenwart verhaftet, was uns gleichsam vor Hürden der Zukunft schützt. Allerdings wäre es ehrlicher, wenn wir gemeinsam eingestehen würden, dass das sichere Überqueren der Martin-Schleyer-Straße in den nächsten Jahrzehnten unsere kleinste Not sein wird.

Ich erwarte keinen Masterplan für eine Bevölkerungspyramide, die im Litzelstetten des nächsten Jahrzehnts ihren Namen nicht mehr verdient. Wo bleiben die jungen Familien, deren Kinder den Erhalt der Grundschule sichern würden? Wo bringen wir die Pflegeplätze für die Hochbetagten unter, die sich Litzelstetten als ihren Ruhesitz ausgesucht haben? Können Gewerbetreibende im Ort noch ausreichend Profit machen, um weiter zu existieren? Wie binden wir den Teilort künftig an den ÖPNV an, um ihn nicht nur klimafreundlicher zu gestalten, sondern dem sich wandelnden Bedarf der Litzelstetter Kunden anpassen zu können? Braucht es mehr Ärzte, Sozialdienste und Vereine, die sich um die Gesundheit, den Einkauf und die Betreuung der 100-Jährigen kümmern? Und wenn ja: Womit locken wir sie nach Litzelstetten, einem Ort, der familienfreundlicher, barrierefreier und kostengünstiger werden muss, um nicht zu einem Schlafdorf zu verkümmern?

Wie gewinnen wir Ehrenamtliche, die den Nachbarn zum Arzt fahren, seine Tüten schleppen oder den Rasen mähen? Wer garantiert die öffentliche Infrastruktur, die passenden Ansprechpartner vor Ort, wenn den älterwerdenden Menschen das Gehen immer schwerer fällt und die Digitalisierung den persönlichen Kontakt nicht ersetzen kann? Genügt der Wohnraum, um die Einwohnerzahlen konstant zu halten? Bleibt das Dorf für Kleinunternehmer, Handwerker und Lebensmittelhändler attraktiv genug – und wer bewahrt sie vor der Schließung, wenn kein Nachfolger gefunden wird? Wie schaffen wir neue Begegnungsräume, um das Auseinanderdriften zwischen Neu- und Altbürgern zu stoppen? Und wer garantiert der städtischen Peripherie, Kommunalpolitik auch künftig dort betreiben zu können, wo sie am dringendsten nachgefragt ist – vor der eigenen Haustüre nämlich?

Nicht nur Litzelstetten wird sich wandeln. Aber hier sind die Veränderungen im Kleinen am größten. Daher wünsche ich mir bei allen tagesaktuellen Fragen, dass wir uns auf eine Vision, meinetwegen auch auf eine Utopie einlassen – ein „Brainstorming“ all derer zurate ziehen, die sich auskennen oder am Morgen des heutigen Litzelstettens interessiert sind. Einmal Weitsicht wagen – die nächsten Generationen werden es uns danken.


Dennis Riehle, Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz

Tel.: 07531-955401 Mail: Riehle@Riehle-Dennis.de

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