Mehr als ein Achtungserfolg

Schriftzug Meinung
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Die OB-Wahl in Konstanz ist geschlagen. Amtsinhaber Ulrich Burchardt schaffte es nur mit Mühe, seinen Posten zu verteidigen. Mit etwas mehr als 4 Prozent Vorsprung bleibt er für die kommenden acht Jahre an der Rathausspitze. Das Ergebnis des Herausforderers Luigi Pantisano ist mehr als ein Achtungserfolg. Es macht deutlich, dass der neue und alte Verwaltungschef in den letzten Jahren zwar viele Ansagen gemacht hat. Die Umsetzung konkreter Anliegen blieb aber aus. Auch wenn Burchardt stets Geduld eingefordert hat, muss er nun erkennen, dass vielen Bürgern die anvisierten Veränderungen nicht schnell genug gehen.

Ob der ausgerufene Klimanotstand, das wiederkehrende und ungelöste Verkehrschaos im Stadtgebiet, die fehlenden Sozialwohnungen und die unbezahlbaren Mieten, die ausbleibende Ansiedlung von Unternehmen, die Herausforderungen des Demografischen Wandels, die Integration vom geflüchteten Menschen oder die Förderung des Bürgerschaftlichen Engagements – all diese Themen bedürfen mehr Aufmerksamkeit.

Natürlich erwarte auch ich keine Wunder, denn mir ist bewusst, dass manche Entwicklung Zeit zum Reifen braucht. Dennoch mahlten die Mühlen in der vergangenen Amtszeit des OB doch recht langsam. Nicht umsonst haben sich Gräben in der Bevölkerung aufgetan, die es nun zuzuschütten gilt. Uli Burchardt fehlte in der Vergangenheit manches Feingefühl für die Anliegen kritischer Einwohner. Deshalb ist er nun dazu aufgerufen, vom hohen Ross herunterzusteigen und sich nicht allein seinen erfolglosen Prestige-Projekten zu widmen. Der Wählerwille muss sich in der zukünftigen Politik des Oberbürgermeisters widerspiegeln.

Ein „Weiter so“ ist nicht möglich, denn es haben sich zu viele Konstanzer für einen Wandel ausgesprochen. Die Angst vor einem sozialistischen Umbruch, die im Vorfeld der Wahl mit Blick auf den Kandidaten Pantisano verbreitet wurde, war völlig unbegründet. Viel eher machen die Zahlen deutlich: Der Urnengang muss uns allen eine Mahnung sein, immerhin wollen nicht wenige Bürger der Stadt eine sozial-ökologische Wende, wie sie der linke Bewerber gefordert hatte. Nun liegt es an Uli Burchardt, das Tempo für die zwingenden Fortschritte anzuziehen und die Ziele der Wahlverlierer ernst zu nehmen.

Das bemerkenswerte Abschneiden des parteiübergreifenden Gegners im ersten und zweiten Wahlgang hat offengelegt, dass eine nicht unerhebliche Zahl an Konstanzer Bürgern für eine progressivere Politik eintritt. Will Burchardt möglichst viele Bewohner mitnehmen, braucht er eine Strategie des Miteinanders. Sie kann ihm allerdings nur dann gelingen, wenn er die Menschen einbindet. Ein jährlicher Bürgerempfang reicht da nicht aus. Der OB muss sich anstrengen, Probleme der Stadt vor Ort anzugehen.

Die Oberbürgermeister-Wahl in Konstanz 2020 ist mit einem Paukenschlag zu Ende gegangen, den man zweifelsohne als historisch beschreiben kann. Die Chancen, das Votum als eine Zäsur zu verstehen, sind groß – und sie sollten genutzt werden. Für die kommunalpolitische Demokratie wäre es ein fatales Signal, würde man aus dem Ergebnis keine Konsequenzen ziehen. Auf Uli Burchardt lastet nun eine große Verantwortung. Er muss entscheiden, ob er Vertreter aller Konstanzer sein will.

Autor: Kommentar von Dennis Riehle

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