Standpunkt. Umdenken hat begonnen!

Schriftzug Meinung
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In den Konstanzer Vororten passiert in 2021 einige Veränderung, die der „Südkurier“ in seiner Berichterstattung im Januar aufgegriffen hat. Für meinen Heimatort Litzelstetten heißt das beispielsweise, sich an einem neuen Campingplatz zu erfreuen, konkrete Eindrücke vom sich entwickelnden Quartier am Marienweg zu bekommen oder darauf zu hoffen, dass in der Ortsmitte endlich die Bagger anrücken.

Die aktuelle Ortschaftsratssitzung hat aber gezeigt: Unser Dorf steht langfristig vor viel größeren Herausforderungen, in dessen Gesamtzusammenhang wir die einzelnen Projekte dieses Jahres bereits sehen sollten.

Die neueste Bevölkerungsvorausrechnung, die die Stadtverwaltung dem Gremium präsentiert hat, relativiert zwar einige Zahlen im Vergleich zu den Erhebungen vor vier Jahren. Nichtsdestotrotz bleibt Litzelstetten im Brennglas des „Demografischen Wandels“ verhaften. Denn auch wenn die Bevölkerungsschicht der Hochbetagten etwas weniger stark wachsen dürfte, als es noch in der vorhergehenden Prognose angenommen wurde, ist eine Tendenz klar erkennbar: Während Konstanz in seiner Gesamtheit unter den besten Umständen bis 2040 nahe an den Status von einer Großstadt heranwachsen könnte, sehen die Modelle für den hiesigen Teilort ein Schrumpfen der Bevölkerung voraus.

Dabei ist besonders erschreckend, dass das mittlere Alterssegment an Anteil in der Einwohnerschaft verlieren wird. Das Abwandern und der fehlende Zuwachs an neuen Familien aufgrund des mangelnden Baulands ist dabei ein wesentlicher Faktor, weshalb junge Einzelpersonen (beispielsweise Studenten) einerseits und Senioren über 80 Jahre andererseits zur wachsenden beziehungsweise stabilen Gruppe unter den Litzelstetter Bürgern gehören, während aber gleichzeitig diejenigen unter 60 wegbrechen. Wir verlieren damit nicht nur qualifiziertes Fachpersonal, das das Gewerbe vor Ort halten würde. Es entspricht keiner gesunden Alterspyramide, wenn die Ränder beständig bleiben, aber das Fundament der arbeitenden und die Generationen verbindenden Mitte an Boden verliert. Es sind die Bürger in den besten Jahren, die den Kitt geben – und gleichermaßen an Präsenz verlieren werden.

Die Konsequenz aus den aktuellen Vorhersagen muss daher deutlich ausfallen: Es genügt nicht, in einzelnen Legislaturperioden zu denken. Die Kommunalpolitik darf in der Frage einer angemessenen Schlussfolgerung auf die demografische Entwicklung keinesfalls nur „auf Sicht fahren“. Das vorausschauende Planen muss spätestens dann beginnen, wenn wir von den nahenden Veränderungen wissen. Deshalb braucht es ein Agieren, denn reaktives Handeln und ein Abwarten auf das, was tatsächlich eintreffen wird, wäre in dieser Situation völlig verantwortungslos.

Deshalb ist es gut, dass es aus dem Ortschaftsrat wiederholte und ernstzunehmende Bekenntnisse gab, sich dem Jahrhundertthema für Litzelstetten zeitnah zu widmen. Das Umdenken in dieser Sache hat nun endlich begonnen, immerhin verging einige Zeit, bis die Brisanz der nackten Zahlen und Daten allen Beteiligten deutlich wurde. Und das war auch bitter nötig, denn letztendlich sind wir bereits mittendrin im Umbruch: Wenngleich die Ausbeute an neuen Baugebieten minimal ist, haben die Verantwortlichen verstanden, dass bezahlbarer Wohnraum im Ort eine wesentliche Stellschraube dafür ist, mitten im Leben stehende Einwohner an Litzelstetten zu binden – und den Zuzug neuer Mitbürger zu fördern. Diese Weisheit ist zwar nicht neu, fordert aber besonders die Stadtplaner zunehmend. Daher war es richtig, dass die Fraktionen bereits die Prüfung neuer Wohnareale in Auftrag gegeben haben.

Die Attraktivität des Vorortes ist bereits durch geografische Lage, Vitalität des kulturellen und sozialen Angebots, wirtschaftliche Prosperität, Tourismus und anerkannte Prädikate vorgezeichnet. Dennoch braucht es auch künftig Anstrengungen, die Bedürfnisse der diversitätssensiblen Gesellschaft zu erfüllen. Neben familienfreundlichen Maßnahmen gehört dazu unter anderem die Erhaltung und der Ausbau von Nahversorgung und Infrastruktur samt Kindertagesstätten und Grundschule, die Sicherung des Gesundheits- und Sozialwesens inklusive der Nutzung von ehrenamtlichen Ressourcen der hier ansässigen Vereine, das Vorantreiben von altersgerechten Wohnformen und dezentraler Pflege nebst Barrierefreiheit im öffentlichen Raum, eine Aufwertung und Überwindung des trennenden Dorfcharakters durch die Umgestaltung der Hauptstraße oder die Ausgestaltung eines differenzierten Freizeitangebots für die unterschiedlichen Altersstufen.

Um Litzelstetten zukunftsfähig zu machen, bedarf es Ehrlichkeit und Mut für Wagnisse und Neuerungen. Immerhin besteht die reale Gefahr, dass der Ort zum Schlafdorf wird, sollte nicht grundlegend an der Ausgangssituation gearbeitet werden, die die Statistiker für das momentane Jahrzehnt prognostiziert haben. Es werden verschiedene Konzepte vonnöten sein, um die Weichen bis 2040 zu stellen – beispielsweise die von der Stadt vorgesehene Verdichtung gewerblicher Strukturen im Ortskern oder der Versuch weiterer Ansiedlung von Wohnbebauung im peripheren Gemarkungsraum. Gleichsam wird man nicht umhinkommen, die sich abzeichnende Entwicklung zumindest in Teilen als unabänderlich zu akzeptieren und auf sie einzugehen.

Wie der Gemeinderat künftig alle politischen Entscheidungen unter den Vorbehalt der Klimaverträglichkeit stellen will, muss Litzelstetten bei jedem Projekt darauf blicken, ob es auch wirklich dem Gedanken eines pluralistischen und nachhaltigen Dorfes – insbesondere in Sachen Altersvielfalt – gerecht wird. Dafür ist es sinnvoll, schon jetzt fachkundige Einwohner, systemrelevante Player, bürgerschaftlich Engagierte, politische Akteure, Verwaltung und außenstehende Ideengeber in einen Prozess des Austausch einzuladen, um sich ein Bild darüber zu machen, wie sie sich ein Litzelstetten in zwanzig Jahren vorstellen. Denn nur, wenn wir uns langfristig auf Zusagen zur Mitgestaltung des Ortes durch die interessierte Bevölkerung verlassen können, wird das identitätsstiftende Miteinander der Demografie den Schneid abkaufen.

Dennis Riehle, Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz, Tel.: 07531-955401, Mail: Riehle@Riehle-Dennis.de