Zwischen Hopfen und Melisse …

Schriftzug Meinung
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Man kann nicht sagen, dass TV-Duelle von Spitzenkandidaten der politischen Parteien in Deutschland generell auf wenig Interesse stoßen. Doch wer bei der „Auseinandersetzung“ zwischen Ministerpräsident Kretschmann und Herausforderin Eisenmann nach zehn Minuten den Sender wechselte, hat mein vollstes Verständnis.

Ich kann mich an keinen Schlagabtausch erinnern, der von einer derartigen Langeweile geprägt war wie das Aufeinandertreffen der beiden Zugpferde von Grünen und CDU im baden-württembergischen Landtagswahlkampf. Auch wenn rein menschlich die Sympathien für den Amtsinhaber weiterhin groß sind, so waren seine Aussagen so nichtssagend wie nie zuvor. Dass es sich bei „Corona“ im Großen und Ganzen kaum streiten lässt, wurde nach rund einer dreiviertel Stunde mehr als deutlich. Der einzige Dissens zwischen dem Landesvater und seiner Kultusministerin fand sich allerhöchstens in der Einschätzung über die Zuständigkeit der Ministerien, wenn es um die Umsetzung eines Schnelltest-Konzepts geht.

Ansonsten nickte die körpersprachlich sehr zurückgezogene Christdemokratin in weiten Teilen lächelnd den Ausführungen ihres Gegenübers zu, immerhin betonten beide wiederkehrend ihre Kollegialität im Kabinett.

Die Erwartung, die neben Wählern auch Politikwissenschaftler an solch eine Veranstaltung haben, wurde vollends enttäuscht: Eine inhaltlicher Unterschied wurde kaum deutlich, selbst in Fragen umweltfreundlicher Mobilität, bezahlbaren Wohnens und digitalisierter Bildung waren die Differenzen marginal. Es wurde klar, wie sehr sich Grün-Schwarz in der zu Ende gehenden Legislatur bereits angefreundet hat. Kaum jemand dürfte nach dem Auftritt der Spitzenkräfte an eine neue Regierung jenseits des Urnengangs glauben.

Dass in der Bevölkerung bedauerlicherweise auch keinerlei Wechselstimmung zu spüren ist, wurde gleichsam in der Analyse des Rededuells offenbar: In den zugeschalteten Wohnzimmern der Bürger war kein Wunsch zum Aufbruch zu erkennen. Offenbar setzt man in Krisenzeiten auf bewährte Konstellationen – mögen sie auch noch so träge sein.

Kritik darf an diesem Abend aber nicht bei den Protagonisten haltmachen: Es war wesentlich die Verantwortung des SWR-Chefredakteurs, der es mit seiner Themenauswahl nicht geschafft hat, die Verschiedenheit der politischen Positionen heraus zu kitzeln. Auch in Zeiten der Pandemie wäre es vonnöten gewesen, die Profile der beiden Gegner herauszuarbeiten. Ob „innere Sicherheit“, „Klimagerechtigkeit“ oder „Bürgerbeteiligung“ – es hätte genügend Möglichkeiten gegeben, den Gästen Abgrenzungen zu entlocken. Letztlich mag Eisenmann rein rhetorisch vorne gelegen und in ihrer kürzeren Redezeit mehr Sätze untergebracht haben. Dennoch fragte man sich nach gut 60 Minuten, ob es tatsächlich verantwortbar ist, dass überhaupt einer von beiden Kandidaten Baden-Württemberg auch in den kommenden fünf Jahren führen sollte.

Die Diskussion pendelte irgendwo zwischen Hopfen und Melisse – Menschen mit Einschlafschwierigkeiten brauchten an diesem Abend wenigstens keine Tablette.

Dennis Riehle, Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz, Mail: Riehle@Riehle-Dennis.de, Web: https://www.dennis-riehle.de