Eine Uni wächst selten allein …

Schriftzug Meinung
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In den nächsten vierzig Jahren soll die Konstanzer Universität um die Hälfte wachsen. Dieser Tage wird in der Öffentlichkeit breit darüber diskutiert, wie es am Gießberg wohl 2060 aussehen wird. Immerhin sind die Dimensionen und Ausmaße gigantisch. Und auf den ersten Blick dürfte es viel Zustimmung dafür geben, dass sich der führende Wissenschaftsstandort am Bodensee weiterentwickelt. Doch während man aktuell debattiert, wie die neuen Gebäude auch möglichst nachhaltig und klimafreundlich ausgestattet werden können, treibt mich eine ganz andere Frage um: Im 21. Jahrhundert scheint der kapitalistische Gedanke des ewigen und ständigen Wachstums in alle Bereiche durchzuschlagen. Dabei wissen wir mittlerweile, wohin die Sucht nach dem immer „Größer, Weiter, Schneller“ führt. Nicht nur der Erdball im Ganzen, sondern auch die Welt im Kleinen leiden unter dem scheinbaren Ideal der Potenzierung, das letztlich trügerisch ist – und uns schneller an manche Grenzen führen wird, als wir uns das vorstellen können.

So ergeht es mir auch bei der Vision von einer um 50 % größeren Hochschule: Es ist weniger die Frage, ob ausreichend Fläche für die Neubauten zur Verfügung steht. Es geht bei aller Euphorie für eine aufstrebende Uni vor allem darum, ob wir die notwendigen Voraussetzungen und Konsequenzen einer derartigen Expansion bedacht haben. Denn ohne ein gleichzeitiges Mitwachsen der Infrastruktur kann eine Stadt wie Konstanz diese geplante Erweiterung nicht stemmen. Schon heute wissen wir um die prekäre Wohnsituation, die auch nicht ohne Weiteres verändert werden kann. Wenngleich wir Innenraumverdichtung betreiben können, sind uns in der Außenerweiterung massive Grenzen gesetzt. Denn nicht nur der See schränkt uns diesbezüglich ein; auch die umliegenden Schutzgebiete erschweren Ausdehnung. Und dort, wo noch Freiraum zu finden ist, dürften sich die Streitigkeiten um den Erwerb von Grundstücksflächen – beispielsweise am „Hafner“ – über Jahre hinziehen und zu keinen baldigen Ergebnissen führen.

Gleichsam fragt man sich, ob die Transportwege und -mittel eine derartig steigende Nachfrage an ÖPNV und Individualverkehr verkraften können – denn auch ihre Ausweitung ist in Konstanz limitiert. Ob uns Seilbahnen, Wasserfahrzeuge und noch mehr Busse helfen werden, die entsprechenden Kapazitäten für all die Studierenden und Forschenden bereithalten zu können, ist aus heutiger Perspektive mehr als zweifelhaft. Wo sollen zudem all die Geschäfte entstehen, um den täglichen Bedarf der Bevölkerung zu decken, wenn doch schon heute die Innenstadt aus allen Nähten platzt – und auch im Industriegebiet nur bedingtes Ermessen für eine Komprimierung der wirtschaftlichen Ansiedlung besteht? Schlussendlich ist es auch nicht damit getan, den nach Konstanz kommenden Kommilitonen ein Dach über dem Kopf und Verpflegung zu bieten. Das bereits jetzt durchaus optimierbare Angebot für das studentische Nachtleben wird wohl kaum durch die Vielfalt an kulturellen Sehenswürdigkeiten aufgefangen, in der wir zweifelsohne unschlagbar sind. 

Und nicht zuletzt sollten wir auch daran denken: Welche sozialen Veränderungen ein erheblicher Herzug von Studenten und Lehrenden hat, zeigten die 70er- und 80-er Jahre – beispielsweise in den sich seither populationsstrukturell massiv gewandelten Vororten. Es ist eine demografische Herausforderung, wenn sich gerade das Altersgerüst der Einwohnerschaft innerhalb eines vergleichsweise kurzen Zeitraum deutlich verlagert und die Bevölkerungspyramide Pole ausbaut, die vor allem ein integratives Miteinander von Alt- und Neubürgern erheblich erschweren. Man sollte nicht verkennen, dass eine große Fluktuation stets mit Ansprüchen an die Bestandsgesellschaft verbunden ist, aber auch der zu inkludierenden Gruppe der Zuziehenden in die Dorfgemeinschaft eine Menge an Anpassungsbereitschaft abverlangt. Der oftmals Dekaden dauernde Prozess der Akkommodation kann nicht aufoktroyiert werden – und er ist nicht selten zum Scheitern verurteilt. Denn die Gefahr der Entwicklung von Parallelwelten ist beträchtlich, weil Zusammenwachsen Geduld braucht. Natürlich ist auch die Aussicht darauf, dass Konstanz irgendwann in den nächsten Jahrzehnten zur Großstadt werden kann, für manch Politiker verlockend. Gerade, weil unsere Bodenseestadt aber geografisch wie auch morphologisch eine Sonderrolle einnimmt, ist das alleinige Ansinnen auf Extension zu kurz gedacht. Selbst wenn man es sicher nicht überall gerne hört, wäre es aus meiner Perspektive vernünftig, bereits heute die Reißleine zu ziehen und schlussendlich authentisch zu reflektieren: Wollen wir uns nicht ehrlich machen und anerkennen, dass Konstanz als Mittelstadt fortentwickelt werden soll – ohne die übermütige Erwartungshaltung zu strapazieren, wonach wir es mit Freiburg, Ulm oder Stuttgart aufnehmen könnten? Es gehört aus meiner Sicht zu einer Wertschätzung der eigenen Heimat dazu, Bescheidenheit zu üben und Zufriedenheit mit dem zu zeigen, was eben möglich und verträglich ist. Zwanghaftes Aufblähen einer einstigen Siedlung zur baldigen Metropole um reiner Vermessenheit willen, ist ein Wagnis. Schließlich kann der Traum des „Manhattan of Constance“ auch ziemlich leicht platzen …

Autor: Dennis Riehle